Medikamente


Psychopharmaka bei Angst- und Panik-Störungen Sinn oder Schaden?
Dr. Günther Possnigg,
Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
Einleitung
Wenn Angst und Panik behandelt werden sollen, müssen wir uns im klaren sein, daß wir einen – mitunter lebenswichtigen Warnmechanismus beeinflussen. In unserer Entwicklung vom Jäger, Sammler über Ackerbauer und – auch – Krieger ist Angst ein ganz wesentlicher Bestandteil der Selbsterhaltung. Nicht selten ist es der „sechste Sinn“, eine unbewußte Wahrnehmung, die uns in gefährlichen Situationen am Leben gehalten hat. In diesem Sinne ist Angst auch oft zu werten, wenn sie scheinbar ohne Ursache auftritt. Manchmal ist Angst ein sehr deutliches Signal aus dem Unbewußten, eine Warnung oder ein Hinweis auf einen seit langem bestehenden Mißstand. Es gibt sehr viele psychische Leidenszustände und Krisen, deren Hauptsymptom die chronisch quälende oder auch akut einsetzende Angst ist und deren Ursache weder erkennbar noch direkt behebbar zu sein scheint. An dieser Stelle folgt keine Abhandlung über die psychiatrischen Ursachen der Angst. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß „Angst“ nicht gleich „Angst“ ist, und die Behandlung so wie die Ursache der Angst ebenfalls differenziert sein sollte.
Daher ist es für den Betroffenen sinnvoll einen groben Überblick über die Psychopharmaka zu haben, die vom Arzt bei Angststörungen eingesetzt werden. Wichtig sind auch Wirkcharakterisik und Spektrum der Nebenwirkungen. Es hat aber sicher keinen Sinn selbständig Medikamente „auszuprobieren“. Offenheit gegenüber dem Arzt und eine Aussprache ohne Tabu helfen die richtige Substanz zu finden. Oft wird aber eine begleitende Therapie notwendig sein (Verhaltensmedizin, Psychotherapie) .
Psychopharmaka verändern nicht den Charakter des Menschen, sie verändern auch nicht die Vorgeschichte des Patienten, das Trauma oder die grundlegende Störung. Sie beeinflussen lediglich einen Teil des subjektiven Erlebens der Umwelt oder der Innenwelt hier und jetzt und können dadurch das Tor zu Veränderung öffnen. Durch dieses Tor durchgehen muß der Klient schon selbst.

Psychopharmaka bei Angst- und Panik-Störungen Sinn oder Schaden?
Dr. Günther Possnigg,
Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
Serotonin Wiederaufnahme Hemmer (SSRI) (fett gedruckt sind die am häufigsten verwendeten Präparate)
eine neuere Gruppe von unterschiedlich gut verträglichen, nebenwirkungsarmen Medikamenten. Wurden anfangs sehr gelobt und überbewertet. Diese Medikamente haben ihren fixen Platz in der Therapie von Angst- und Panikerkrankungen, sowie Zwangsneurosen. Sie sollten aber niemals ungezielt und ohne Rücksprache mit einem Arzt eingenommen und auch nicht abgesetzt werden. Besonders beim Absetzen kann es zu Problemen kommen.
Handelsname Floxyfral Fluctine Seropram Seroxat Tresleen
Wirkstoff
Fluvoxamin Fluvoxetin Citalopram Paroxetin Sertraline
Tagesdosis
25-150(300)mg 20-40mg 10-80mg 10-40mg 50mg(abOkt96)
Wenig Nebenwirkungen, meist vom Verdauungssystem: Durchfall, Magenbeschwerden, Heißhunger, auch Herzklopfen, Nervosität, innere Unruhe kommen vor. Verhältnismäßig langsamer Wirkungseintritt. Absetz-
Effekte: Kribbeln in Händen oder ganzem Körper. Verschlechterung der Symptomatik. Dies hat aber nichts mit Gewöhnung oder Sucht zu tun, sondern ist eine natürliche Reaktion des Körpers und vergeht sehr rasch!

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Dr. Günther Possnigg,
Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
Herkömmliche Behandlung mit Antidepressiva
Depressive Zustandsbilder können sowohl im Erscheinungsbild als auch in der Genese sehr unterschiedlich und vielgestaltig sein. Angst und Panik sind mitunter die Einzigen Symptome für eine sonst verschleierte Depression. Angststörungen allein, vor allem neurotischer Art werden jedoch auch mit Antidepressiva behandelt.
Konventionelle, tri- bzw. tetrazyklische AD.:seriöse therapeutische Basis bei mittleren bis schwereren Angst-Störungen mit depressiver Komponente.
Nachteil Wirkung setzt erst nach einigen Wochen Einnahme ein. Sie müssen unbedingt fortlaufend genommenwerden, die einzelne Tablette ist zwecklos („Spiegelmedikament“)
Wichtigste gemeinsame Nebenwirkungen:Mundtrockenheit, Obstipation, Sehverschlechterung (Akkomodationschwäche, ab etwa 35.LJ.), Augendrucksteigerung, Störung beim Urinieren (nur Männer), Herzrhythmusstörungen, Müdigkeit.
Gefahren: Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit. Mitunter gefährlich bei schweren Alkoholikern (Delirium tremens).
(fett gedruckt sind die am häufigsten verwendeten Präparate)
Handelsname Saroten,Tryptizol Anafranil Ludiomil Sinequan
Insidon
Noveril (ret.) Tolvon Trittico Tofranil Pertofran Tymelyt Nortrilen Dixeran
Wirkstoff
Amitryptilin Clomipramin Maprotilin Doxepin Opipramol Dibenzepin Mianserin Trazodon Imipramin Desipramin Lofepramin Nortryptilin Melitracen
Tagesdosis
25-150mg 25-150mg 25-150mg 10-100mg 50-150mg 240-480mg 30-90mg 100-300mg 75-250mg 150-200mg 70-210mg 20-200mg 75-225mg

Duale Antidepressiva und Noradrenalin-Wiederaufnahme Hemmer sind weniger für Panikerkrankungen geeignet als für Sozialängste und allgemeine ungerichtete Ängste bei Depressionen.

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Dr. Günther Possnigg,
Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
„Wenn es ganz schlimm ist “ Neuroleptika
Obwohl ursprünglich zur Behandlung von Schizophrenie entwickelt, gibt es zahlreiche dieser Gruppe, die gut anxiolytisch, also gegen Angst wirken.
sogenannte „niedrigotente“ Neuroleptika (eher schlafanstoßend)
Handelsname Tagesdosis Melleril 25-400mg Dominal 80-160mg Truxal 50-300mg Nozinan 5-100mg Dogmatil 240-480mg
hochpotente Neuroleptika: (werden fast nur bei Schizophrenie verabreicht) Handelsname Freiname Tages-(Wochen)dosis(mg)
Handelsname
Haldol
Cisordinol Dapotum(Lyogen) Fluanxol
Freiname
Haloperidol Zuclopenthixol Fluphenacin Flupentixol
Tages-(Wochen)dosis(mg)
1-30 (25-200) 5-30 (50-100) 1-10 (12,5-50) 1-8(5-30)
Wichtigste Nebenwirkung, zusätzlich zu den oben erwähnten ist das sog. extrapyramidales Syndrom (Steifheit, Gangstörung, Unruhe, unwillkürl. Gesichtsbewegungen, Blickkrämpfe…). Man wird steif, unruhig, zittert. Verlängerung der Reaktionszeit und Harnverhaltung oder unwillkürlicher Harnabgang kommen bei höheren Dosierungen vor.
Kombinationspräparate:
bei Angststörungen mitunter eine sehr gute Therapie!
Handelsname Inhalt Tagesdosis Deanxit(forte) AD+NL 1-2Drg

Limbitrol, Pantrop ret Harmomed (forte) Jatrosom
Vesalium
AD+Transqu. NL+Transqu. AD+NL
1T.od.Kps. 2-6Drg 1-2Drg 1-2Drg
NL+Transqu. Wichtig ist permanente Einnahme, keine Bedarfsmedikation!

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Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
Unkonventionelle medikamentöse Therapie
Für die Behandlung der Angst stehen noch andere Substanzen zur Verfügung. Die wichtigste, da wirksam und nebenwirkungsarm ist :
Präparat Wirkstoff Tagesdosis Buspar Buspiron 15-60mg/d
Nachteil: langsamer Wirkungseintritt und dreimal tägliche Einnahme. Sonst ein durchaus gutes Medikament.

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Therapie mit pflanzlichen Substanzen
Hopfen, Baldrian, Passionsblume und Johanniskraut sind bewährte Beruhigungsmittel, Andidepressiva und Angstlöser. Es gibt mehrere rezeptfrei erhältliche Präparate. Tees haben sich weniger bewährt, da die Wirkung nicht ausreichend stark ist.

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Dr. Günther Possnigg,
Facharzt f. Neurologie und Psychiatrie Psychotherapeut
Finger weg von Transquilizern
Wegen geringer Nebenwirkungen und sofortigem Wirkungseintritt werden sie gerne bei akuten Erregungs- und Angstzuständen eingesetzt und in der Psychosomatik.
Nachteile
1.)Suchtgefahr: biologisches Suchtpotential erwiesen, daher vor Gesetz Suchtgiftklasse 1
2.) Verdecken und Wegschieben der Problematik wird gefördert. Man wird sich selbst und seinen Problemen gegenüber unkritisch.
3.) Auch ohne „Sucht“ im engeren Sinn kommt es zur Tendenz der Wiedereinnahme durch einen bedingten (Pawlow’schen) Reflex: Der Körper produziert Panik ® Einnahme der Tablette ® Reduktion der Panik noch bevor Tablette wirkt ® Beginn der Wirkung ® Müdigkeit und angenehme Entspannung ® Wohlgefühl ® der Körper lernt: wenn Panik, dann Wohlgefühl ® Bahnung eines neuen Panikanfalls.
Wir Fachärzte geben diese Medikamente sehr ungern und nur kurzfristig. Weitere Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Müdigkeit, Verkehrsuntauglichkeit
Achtung: die folgenden Medikamente können 1) wenn sie länger als 90 Tage genommen werden zur Abhängigkeit führen oder 2) neuerliche Angstanfälle produzieren, wenn sie nur im Bedarf genommen werden!
a) vorwiegend antidepressiv, angstlösend,entspannend:
Präparat(e)
Anxiolit, Adumbran Praxiten
Demetrin
Frisium
Lexotanil
Librium
Merlit, Punktyl,Temesta Talis (auch als Tropfen erh.) Tranxilium Valium,Umbrium,Stesolid
Wirkstoff
Oxazepan
Prazepan
Clobazam Bromazepan Chlordiazepoxid Lorazepam Metaclazepam Dikaliumchrorazepat Diazepam
Tagesdosis
10-30mg/d 10-20mg/d 10-20mg/d 3-6mg/d 5-25mg/d 1-3mg/d 5-20mg/d 5-20mg/d
2-10 (100!)mg/d

Gewacalm,Psychopax Tropfen Diazepam Xanor Alprazolam
b) vorwiegend schlafanstoßend wirksame Tx.(„Schlafmittel“):
5-20 gtt!mg/d 0,5-2mg/d
Tagesdosis
5-10 0,25 2
30 40
5 1
1-3
Präparat(e)
Mogadon
Halcion Rohypnol,Somnobene Dalmadorm, Staurodorm Gerodorm
Dormicum Noctamid
Wirkstoff
Nitrazepam Triazolam Flunitrazepam Flurazepam Clinolazepam Midazolam Lormetazepam
c) Kombinationspräparate (nur sehr selten indiziert):
Name
Librax
Limbitrol,Pantrop ret.
Pentrium
Acordin
Betamed
Harmomed Anxiocard,Persumbran Anxiolit plus Spasmo-Praxiten
TX.Komponenten 2.Komponente
Chlordiazepoxid Clinidiniumbr. Chlordiazepoxid Amitriptylin
Tagesdosis
Chlordiazepoxid Diazepam Diazepam Diazepam Oxazepam Oxazepam Oxazepam
1-2 Pentacrithryltetranitrat ??
Isosorbiddinitrat 1-3 Bupranolol 1-3 Dosulepin 1-2 Dipyridamol 1-2 Finalin 1-2 Ambutoniumbromid ??